Welche Erwartungen haben wir als Leser an den noch ungelesenen Text?

Jedes Mal, wenn wir uns an einen Text setzen, haben wir automatisch gewisse Erwartungen an ihn; schon bevor wir beginnen, ihn zu lesen. Wir sehen Texte immer durch „Brillen“. Diese sind durch unsere Erfahrungen und unser Wissen bestimmt. Diese „Brillen“ machen es uns möglich, den Sinn des Textes zu erfassen. Doch manchmal stehen uns unsere Erwartungen beim Lesen auch im Wege. Schließlich sind wir frustriert oder haben das Gefühl, dass wir den Kern des Textes vor uns nicht erfasst haben – obwohl wir ihn wohlmöglich sogar gründlich durchgearbeitet haben.

Wir erwarten, weil wir deutsch lesen können und es ein deutscher Text ist, dass wir den Text verstehen können und seine Essenz beim ersten Anblick erkennen. Aber bloß, weil die Worte deutsch sind, bedeutet das nicht zwingend, dass sie einen Sinn für uns ergeben. Ein Fachartikel über Neuronen klingt wie altgriechisch, wenn man im Vorfeld nicht das nötige Fachwissen hat. Hier kann man von dem Bedarf für ein Verständnis des Textes sprechen.

Hohe Erwartungen bedürfen Vorwissen

Ich habe mit vielen Erwachsenen gearbeitet, die eine Weiterbildung starten wollten. Im Besonderen dort war es für mich oft sehr deutlich. Oft waren es Frauen innerhalb des öffentlichen Sektors, die sich gezwungen sahen, eine Qualifizierungsmaßnahme anzufangen. Diese Frauen waren daran gewöhnt, Lektüre wie Romane und Magazine zu lesen. Und nun bekamen sie Lehrbücher über beispielsweise Arbeitspsychologie ausgehändigt. Es fehlte ihnen jedoch das notwendige Vorwissen, und die Lehrkraft hatte sich auch nicht die Zeit genommen, in das Thema einzuführen. Stattdessen wurde nur der Auftrag erteilt: „Und bis zum nächsten Mal lesen Sie bitte die ersten fünf Kapitel.“ Die armen Schülerinnen! Wie in aller Welt, sollten sie herausfinden, worum es in den Texten ging? Oder worauf die Texte hinauswollten?

Es ist grundsätzlich immer sinnvoll, dass man Vorwissen bekommt, bevor man anfängt und sich in das Thema hineinversetzt. Die Erwartung, etwas schon beim ersten Mal zu verstehen, ist schlicht falsch, es sei denn, das Thema ist einem im Vorfeld schon sehr nah.

60-80% Textverständnis nach erstmaligem Lesen ist gut

Wenn wir glauben, dass wir einen unbekannten Text nach einmaligem Lesen zu 100 % wiedergeben können, dann liegen wir falsch. Wenn wir nach dem ersten Lesen allerdings zu 60 -80 % den Textinhalt bewerten können, dann haben wir ein hohes Inhaltsverständnis. Damit können wir nun nämlich gezielt Teile des Textes auswählen, die ein eingehenderes Lesen erfordern.